mf 30-tour | der rennbericht

Liebe Sportsfreunde, liebe Fans, zur diesjährig erstmals ausgetragenen Tour de Wroclaw kommt jetzt endlich ein abschließender Rennbericht. Zusammenfassend gehe ich hier auf alle 4 Etappen, sowie auf die Leistungen aller Fahrer/innen ein. Es wurde natürlich vorher viel spekuliert wer denn dieses neue 2 Tage / 4 Etappen – Rennen gewinnen kann, zumal man nicht von Anfang an davon ausgehen konnte, dass diese Tour doch so hochkarätig besetzt sein würde. Der Ausgang dieses Rennens war dann wohl für viele doch eher überraschend, der von den meisten Experten als Favorit angesehene Fahrer konnte die Tour de Wroclaw leider nicht für sich entscheiden.

Etappe 1.1: Radebeul / Dresden – Obergurig (ca. 70 km)
Die erste Etappe dieses Rennens startete am Freitag kurz nach 9 Uhr im malerischen Radebeul. Als das Peleton komplett war, wurde das Rennen dann in Dresden freigegeben. Zu diesem Zeitpunkt waren es 10 Fahrer die Ambitionen auf den Gesamtsieg hatten. Leider musste bereits zu Beginn der ersten Etappe ein Ausstieg verzeichnet werden. Dazu später mehr.
Die Tour wurde von Anfang an mit zügigem Tempo gefahren und ab Bischofswerda brachten sich die ersten Fahrer in Position um die zahlreichen Ortsprints auszufechten. Dabei zeigten sich bereits einige der Favoriten an der Spitze des Feldes. Kurz vor dem Ziel wurde es dann ernst. Der wahrscheinlich schwierigste Berg der gesamten Tour, der Mönchswalder Berg musste bezwungen werden. Und obwohl das Feld bis kurz vor dem Anstieg beisammen geblieben war, konnte sich die einzigste Frau dieser Tour, Katja Rycerz absetzen. Doch leider wurde dieser Ausreißversuch nicht belohnt. Noch vor dem Gipfel konnten 2 Fahrer aufschließen. Allerdings nicht der hochgewettete Bergfahrer Daniel Ghostly wurde in vorderer Postion ausgemacht, sondern Bergspezialist Matze Breitreifner und überaschender Weise auch der Altprofi und Sprintspezialist Claus Hühsoft. Doch nicht etwa auf dem Berg war das Ziel, sondern es folgte noch eine halsbrecherische Abfahrt hinunter in den schönen Spreeort Obergurig. Da Matze Breitreifner laut seinem Team “mit Problemen an der neu installierten Bremsanlage” zu kämpfen hatte, konnte Claus Hühsoft bergab vorbeiziehen und sich somit völlig überaschend die erste Etappe sichern.

Etappe 1.2: Obergurig – Görlitz (ca. 55 km)
Nach einer ausgiebigen Verpflegungspause gings noch am selben Tag auf das 2te Teilstück. Die mit 55 km kürzeste Etappe führte über einige leichtere Anhöhen nach Görlitz. Unterwegs verlief das Rennen erstaunlich ruhig. Es kam zu keinen Ausreißversuchen und die Favoriten blieben meist beisammen. Bei den Ortssprints waren es diesmal vorallem Jeff Leader und Stefano Gallo die sich in Szene setzen konnten. So kam es dann auch in Görlitz zu einer Sprintankunft. Für einige Fahrer jedoch etwas überraschend, da das Ziel nicht sofort einsehbar war. So konnte sich erneut Claus Hühsoft in Position bringen. Doch direkt hinter ihm, Martin Fritzschknecht. Der Titelfavorit ließ jetzt endlich zum ersten Mal sein Können aufblitzen, kassierte Hühsoft mit wahnsinniger Endgeschwindigkeit kurz vor der weißen Linie und schnappte sich so die zweite Etappe.

Etappe 2.1: Görlitz – Zlotoryja (ca. 80 km)
Gleich um 7 Uhr sollte die 3te Etappe am 2ten Tag gestartet werden. Doch die 9 verbliebenen und die 2 neuen Fahrer kamen erst gegen 9 Uhr richtig in Fahrt. Man munkelt, dass am Abend zuvor im Fahrerlager kräftig gefeiert wurde.  Jeff Leader und wohl auch Jungprofi Dirk van Peukertsen sollen maßgeblich für die Feierei verantwortlich gewesen sein. Aber auch der bereits ausgestiegene Roberto Angoloni und die 2 Tagesfahrer in der Fixedgear Wertung Eddy Mercktsehnimehr und Florian Böshell sollen ihre Finger im Spiel gehabt haben. Aber genug der Gerüchte, widmen wir uns den sportlichen Ereignissen.
Die 3te Etappe war am Anfang von einigen Defekten geprägt, sodass der Tross nicht richtig in Schwung kam. Ab der Hälfte der Strecke wurde es dann immer wärmer und der Kurs führte durch ruhigere Gegenden. In dieser Rennphase bildete sich dann eine 3-köpfige Spitzengruppe um Jeff Leader, Katja Rycerz und Claus Hühsoft. Es sah alles nach einer sicheren Sache aus, als die 3 dann doch noch kurz vorm Ziel langsamer wurden. Böse Zungen behaupten, dass da die Teamleitungen nicht ganz einverstanden waren und so ihre Fahrer/innen zurück pfiffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Florian Böshell auch schwere gesundheitliche Probleme. Mehrere Fahrer blieben daher in seiner Nähe und spendierten Windschatten und Motivation. Ein Beweis dafür, dass die Blutgericht-Leute immer wieder auch Team-übergreifend ihre Gefolgsleute finden.
Kurz vor Zlotoryja war das Peleton wieder zusammen und heftiger Gegenwind kam auf. Dennoch konnten sich Stefano Gallo und  Claus Hühsoft absetzen. Am Ende hatte der RCU Kapitän wieder die besseren Beine, obwohl er nach eigenen Aussagen eigentlich für Gallo fahren wollte. Somit standen nun schon 2 der 4 Etappen auf Hühsofts Habenseite. Spätestens jetzt musste man ihn auch für den Gesamtsieg im Auge behalten.

Etappe 2.2: Zlotoryja – Wroclaw (ca. 90 km)
Vor und nach der Verpflegungspause musste gleich 2mal die Mauer von Zlotoryja passiert werden. Dieser zwar kurze aber sehr steile und zu allem Übel mit Kopfsteinpflaster bedeckte Anstieg wird auch gern mit belgischen Bergen wie dem Koppenberg verglichen. Man mochte es kaum glauben, aber hier sind einige der Profis von ihren Rädern abgestiegen und haben geschoben. Der weitere Verlauf der Etappe war von einsamen aber auch sehr schlechten Straßen geprägt.  Florian Böshell spielte zudem immer wieder mit dem Gedanken aus dem Rennen auszusteigen. Er und auch sein Teamkollege  Eddy Mercktsehnimehr waren natürlich mit Material unterwegs, welches sie im Vergleich zu den anderen Fahrer/innen deutlich benachteiligte. Das Streckenprofil wurde allerdings immer flacher, sodass beide Fahrer bis zum Schluss durchhalten konnten. In der 2ten Tageshälfte konnte sich vorallem ein Mann in den Blickpunkt fahren, Hogo Waldner machte bei einigen Ortsprints seine Ambitionen auf den Etappensieg deutlich. Zeitweise war er sogar einige Minuten allein vor dem Feld unterwegs. Dennoch fuhr das Peleton die Lücke wieder zu. Kurz vorm Ziel wurde es immer spannender. Es gab etliche Ortssprints und um alle wurde wie um die Weltmeisteschaft gefahren. Insbesondere der Umstand, dass die Strecke für fast alle Fahrer neu war, führte dazu, dass jederzeit mit der Zieleinfahrt gerechnet werden musste. Es sah ganz danach aus, dass 3 Fahrer den Etappensieg unter sich aus machen wollten: Jeff Leader,  Hogo Waldner und Claus Hühsoft. Kurz vor Tourende setzte sich Hühsoft etwas ab, er schien zu ahnen, dass das Ziel in jeder Sekunde auftauchen musste. Nur Waldner konnte folgen,  Leader hatte scheinbar kurzzeitig nicht aufgepasst. Und so kam es, was vorher keiner so richtig vermutet hatte. Claus Hühsoft fuhr von der Spitze mit kraftvollem Antritt davon und er konnte nicht mehr eingeholt werden und gewann somit nicht nur die vierte Etappe sondern auch den Gesamtsieg. Ein großartiges Rennen!

Hier möchte ich gern noch auf die 12 Top-Favoriten eingehen, kurz analysieren wie ihre Leistung einzuschätzen ist.

1. Roberto Angoloni (Team Gadget Nerds Berlin / R.C.U. 8122):
Leider musste der Wahlberliner bereits nach den ersten Kilometern aufgeben. Er selbst meinte dazu, dass er dieses Jahr leider noch keinen Einstieg in die Saison geschafft hat. Auch die Wahl des Materials könnte entscheidend zu seinem Ausstieg beigetragen haben. Angoloni fährt seit Jahren mehr oder weniger ambitioniert in der Fixed-Gear Klasse, ein Materialwechsel könnte eventuell zu mehr Rennteilnahmen führen. Wir hoffen dennoch, diesen Mann bei dem ein oder anderen Ein-Tages-Rennen wiederzusehen.

2. Eddy Mercktsehnimehr (Team Fuck modern Cycling Garments / Blutgericht)
Ebenfalls in der Fixed-Gear Kategorie gestartet, hatte sich dieser Fahrer im Vorfeld lange Zeit gelassen mit der Zusage an der Tour de Wroclaw. Man hatte unzählige, zum Teil abstruse Gründe gehört, warum er eventuell nicht mitfahren wollte. Dennoch ist er dann am 2ten Tag an den Start gegangen. Da sich Mercktsehnimehr ungern Sportjournalisten gegenüber äußert (so wie eigentlich alle Blutgerichtfahrer), kann ich nur spekulieren, dass seine Form der Grund für das lange Zögern war. Von diesem Mann hat man in der Vergangenheit ganz andere Leistungen gesehen. Ich denke aber, dass er andere Saisonziele im Auge hat und das wir da 2012 noch einiges sehen werden.

3. Florian Böshell (Bob Marley Fanclub Rabebeul West / Blutgericht)
Auch dieser Mann starte nur am 2ten Tag in der Fixed-Gear Klasse. Nach anfänglichen Problemen ist er dann doch beide Etappen durchgefahren. Da er in der Regel eher seltener und meist kürzere Etappen bestreitet, ist seine Leistung doch recht hoch einzuordnen. Die meisten Fans würden ihn aber sicher gern häufiger auf dem Rad sehen.

4. Daniel Ghostly (Team Lost in weird Vinyl / Blutgericht)
Der Bergzeitfahrspezialist war die ganze Tour verhältnismäßig zurückhaltend. Auch hier wird die Materialwahl wohl ein wichtiger Grund gewesen sein. Sein deutlich zu schweres Gerät lässt vermuten, dass er die Tour nur zu Trainingszwecken genutzt hat. Einige Experten hätten ihm mindestens einen Etappensieg zugetraut. Hinter diesen Erwartungen blieb er weit zurück. Dennoch konnte er durch geschickte taktische Fahrweise den ein oder anderen Ortssprint für sich entscheiden. Beim nächsten Rennen muss man ihn allerdings wieder ganz oben auf der Liste haben.

5. Matze Breitreifner (Absurd Crew / R.C.U. 8122)
Dass er hier überhaupt mitgefahren ist, grenzt schon an ein kleines Wunder. Er steht mit dem Rennradsport seit Jahren auf Kriegsfuß, dabei ist er gerade in den Bergen ein absolut gefürchteter Mann. So startete der Mountainbikespezialist auch bei der Tour de Wroclaw nicht mit einem Rennrad sondern fuhr sein Geländerad mit mehr oder weniger geeigneter Bereifung. Auf den schlechteren Straßen im polnischen Hinterland konnte Breitreifner dann doch mit einem Ortssprint überzeugen. Würde dieser Mann in Zukunft mit dem richtigen Fahrrad an den Start gehen, kann man ihn sogar, und da lehne ich mich hoffentlich nicht zu weit aus dem Fenster, einen Gesamtsieg zutrauen.

6. Dirk van Peukertsen (Team Playstation Sesselsports / R.C.U. 8122)
Der seit letztem Jahr aktive Jungprofi lässt eine deutliche Steigung seiner Formkurve erkennen. Noch 2011 hatte er mit einigen Problemen auf längeren Distanzen zu kämpfen. Dieses Jahr scheint sich seine Vorbereitung im Frühjahr auszuzahlen. Zwar ist er diese Tour eher Verhalten gefahren, aber dafür sehr konstant. Wenn das so weiter geht muss man bei ihm noch in diesem Herbst mit ersten Erfolgen rechnen.

7.  Katja Rycerz (Schwarz Weiß Radebeul Ost / R.C.U. 8122)
Die einizigste Frau im Feld. Und zu dem ist sie die einzigste Frau, die den Männern das Wasser reichen kann. Und sie sorgt zudem immer wieder für gute Laune. Hier eine Attacke, dort ein Ortssprint. Von ihrer Leistung können sich einige eine Scheibe abschneiden. Ich hatte ihr den Etappenerfolg am 2ten Tag auf dem Weg nach  Zlotoryja zugetraut. Schade, dass es nicht dazu gekommen ist.

8. Hogo Waldner (Schwarz Weiß Radebeul Ost / R.C.U. 8122)
Ein Mann den man nie so recht einschätzen kann. Mal fuhr er den ganzen Tag nur im hinteren Teil des Feldes und ein anderes Mal glänzte er mit vorderster Platzierung. So auch am 2ten Tag der Tour de Wroclaw. Am Ende hätte es fast zum Erfolg der wichtigsten Etappe gereicht. Waldner ist in letzter Zeit zum absoluten Vielfahrer gewurden und das tut ihm gut!

9. Stefano Gallo (Team Speißeeisconceptdiele / Erste Mai Brigade / R.C.U. 8122)
Schon im Vorfeld hatte der Routinier angedeutet, dass diese Tour erst der Saisonauftakt für ihn ist und dass es mit dem Rennausgang nichts zu tun haben wird. Zudem war er wohl zu Testzwecken mit einem Kohlefaserrahmen unterwegs, den man so noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Dennoch konnte er sich bei einigen Ortssprints vorn platzieren. Die Langstreckenzugmaschine wird auch dieses Jahr wieder für die ein oder andere Mammuttour bereit sein, da bin mir ich sicher.

10. Jeff Leader  (Team Nürnberger Miniwürschtl / R.C.U. 8122)
Für mich die Überraschung dieser Tour. Trotz weniger Trainingskilometer und eigentlich keiner Rennteilnahme im Vorfeld glänzte Jeff Leader mit einer sehr guten Leistung. So gingen am Ende wohl mit die meisten Ortssprints auf sein Konto. Er konnte zudem mit bestem, hochmodernen Material an den Start gehen. Dies unterstützte sicher seine Ambitionen. Wir dürfen gespannt sein was von diesem Mann noch alles kommt.

11. Martin Fritzschknecht (Turbine Serkowitz / R.C.U. 8122)
Was war da los? Der große Titelaspirant, der kompletteste Fahrer von allen. Auf dem Papier beim Sprint und in den Bergen kaum zu besiegen. Und dann nur eine Etappe. Auch wenn er bei dieser 2ten Etappe den Gesamtsieger ziemlich blass aussehen lies, habe ich ganz anderes erwartet. Gut, er hat auch einige Ortsprints und den 2ten Gesamtplatz errungen, aber eigentlich hätte ihm doch keiner so richtig die Butter vom Brot nehmen können. Er war zwar auch nicht beim Frühjahrsklassiker Col du děčínský sněžník dabei, aber sein Trainingsprogramm müsste mehr als ausreichend sein.
Es gibt Stimmen die meinen, er habe sich am 2ten Tag vorallem in den Dienst anderer Fahrer gestellt. Ich denke er wird dieses Jahr wieder häufiger auftrumpfen. Wir freuen uns auf das nächste Rennen mit ihm.

12. Claus Hühsoft (Team Horse Brand / R.C.U. 8122)
Der Gesamtsieger. Wer hätte das im Vorfeld vermutet? Also ich nicht. Er ist zudem der schwerste und auch der älteste Mann im Feld gewesen. Wahrscheinlich erlebt er gerade seinen 2ten Frühling. Erst 2010 wieder richtig gestartet, verdankt er vorallem Martin Fritzschknecht diesen 2ten Aufwind. Und dieses Jahr hat er bis jetzt wohl alles richtig gemacht. Bereits auf dem Col du děčínský sněžník war er 3ter. Unglaublich viele kleinere 1-Tages-Rennen hat er schon absolviert. Ich hoffe da kommt noch mehr und er hängt seine Radschuhe nicht so schnell an den Nagel.

Vielen Dank an alle Fahrer, alle die organisiert und geholfen haben und an alle Fans des Radsports. Mir hats sehr gefallen, ich hoffe euch auch.

3 Kommentare zu „mf 30-tour | der rennbericht

  1. Sehr schöner Bericht, dank dem Verfasser. das macht Lust auf eine Teilnahme bei sviel ambitionierten Fahrern/innen. Das Material ist besorgt. Sobald die Form stimmt melde ich mich für eine !-Tages-Tour.

    Grüße Friedl

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